Erinnerungen

Ich habe heute (22.11.15) mir die Bilder angeschaut, die ich Gestern vom Stall gemacht habe. Kasper und ich haben im Stall ein paar Sachen in Ordnung gebracht, die mir seit längerem ein Dorn im Auge waren. Gut, ich gebe zu, er war der Hauptakteur und ich die Nebendarstellerin. Meine Aufgabe war, die Liste vorzulesen auf der drauf stand, welche Dinge noch zu erledigen sind.

Während ich heute die Sachen aufgeräumt habe, die ich Gestern liegen ließ, um endlich einmal Ordnung in das ganze Chaos zu bringen, vielen mir Kopfnummern in die Hand, die ich damals benutzte, als ich zum Turnier gefahren bin oder irgendein Abzeichen abgelegt habe.

Viele schöne Erinnerungen kamen hoch.

Da wäre zum Beispiel das erste Turnier mit dem Frederik der cool am Anhänger angebunden stand, während ich wie ein Kolibri um ihn herum wuselte und alle anmaulte, die um mich herum standen.

Der Moment in der Siegerehrung, wo dem Pferd zum ersten Mal die goldene Schleife an die Trense gesteckt wurde. Ich war in dem Moment sehr stolz, dass ich ein Pferd hatte, welches sich diesen Akt gefallen ließ, ja fast genossen hat. Als ich hoch schaute, sah ich meinem damaligen Trainer in die Augen, der mir ganz leicht zu lächelte und ganz dezent nickte, als wolle er sagen „Gut gemacht! Diese Schleife habt ihr euch hart erkämpft!“

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Tiziana

Oder meine Mara, die diese Kopfnummern trug, als sie die kleine Tabeah bei Fuß hatte. Sie wurde mit ihrem Fohlen als beste aus dem Ring heraus gezogen „Zuchtziel erreicht!“ hörte ich aus dem Lautsprecher, den Rest habe ich vergessen. Diese Kopfnummer trug meine kleine Tabeah später, als ich mit ihr und Tiziana zur Fohlenschau fuhr.

Und, und, und….

Mara ist mittlerweile nur noch in Gedanken hier auf Erden. Tea und ein ihr Fohlen habe ich damals verkauft, als die Trennung von meinem Ex Mann anstand. Ich konnte sie mir nicht leisten und wollte auch nicht, dass meine Eltern sich um sie kümmern sollten.

Ein Jahr später habe ich sie wieder gesehen. Ich habe nichts zu ihr gesagt, ich stand einfach nur da und habe sie angeschaut. Leise sagte ich: „Tea“ und sie hob den Kopf, brummelte leise und kam auf mich zu, ging mit ihren Lippen langsam über mein Gesicht (das war schon als Fohlen ihre Art, mit mir Kontakt aufzunehmen) und legte dann ihr Kinn auf meine Schulter, um sich wie früher kraulen zu lassen.

Ich habe einmal gelesen:
„Vergangenheit ist es erst dann, wenn es nicht mehr weh tut“.
Es kann also noch keine Vergangenheit sein.

Während wir am Samstag im Stall gearbeitet haben, haben wir uns beide im Stillen (wie sich später heraus stellte) gefragt,

„Wozu das Ganze?“

Mehr als einmal wurde überlegt, den Stall aufzugeben. Aktuell ist die Überlegung auch wieder da. Immer wenn ich dieses Jahr gesagt habe, dass wir einen Schlussstrich ziehen, waren alle nicht begeistert davon. Irgendwie kann sich niemand vorstellen, nach 19 Jahren die Pferdehaltung aufzugeben. Zu sehr ist es ein Teil von uns allen geworden und doch gibt es einige Gründe für diese Überlegung.

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Albert, das letzte Reitpferd bei uns. Er trat seinen letzten Gang 2013 an.

So nervig es ist,  im Dauerregen hinter einem Pferd (jetzt sind es Ponys) herzulaufen, weil es noch auf der Weide bleiben will, oder man den Hufschmied das dritte Mal in zwei Wochen anrufen muss, da schon wieder das Hufeisen abgetreten ist. Trotzdem sitzt man im Stall und schaut nach dem Tier, wenn es sich nicht wohl fühlt oder verzichtet auf das Ausschlafen am Wochenende.

Obwohl ich am Wochenende mittlerweile den Luxus besitze, dass meine Eltern morgens füttern und die Ponys raus stellen, bin ich ums halb sechs wach. An manchen Tagen stelle ich fest, die Dreckklamotten anziehen und ohne Frühstück zum füttern zu gehen, fehlt mir doch sehr.

Jeder nimmt anders Abschied. Die einen machen einen radikalen Schnitt, die anderen brauchen Zeit um sich zu verabschieden. Meine Eltern brauchten die Zeit, um sich zu verabschieden (ich habe mich auf meine Art schon lange mit dem Gedanken abgefunden) und ich glaube, so langsam ist der Zeitpunkt da, an dem das Thema Stall auflösen ernsthaft angegangen werden kann.

Ich habe in den letzten drei Jahren viel neues kennen gelernt, meinen Horizont erweitert. Ich durfte die Chance nutzen und noch einmal zur Schule gehen. Einfach war und ist es auch heute noch nicht, da viele Menschen ein negatives Bild davon haben, wenn man in meinem Alter noch zur Schule geht oder studiert. Trotzdem merke ich immer wieder, mir fehlt meine alte Arbeit.

SattelkammerSo anstrengend die Arbeit auch ist, so wenig man geistig gefordert wird, trotz allem verlangt gerade die Arbeit mit Tieren eine gewissen Natürlichkeit. Diese Natürlichkeit ist außerhalb der Pferdewelt nur selten erwünscht. Mittlerweile weiß ich, dass es diese Natürlichkeit ist, die ich vermisse und bisher in keinem anderen Beruf gefunden habe (so langsam müssen konkrete Pläne bezüglich eines „neuen“ Berufs her, deshalb habe ich mir schon ein paar Gedanken gemacht, in welche Richtung es gehen könnte).

Ich weiß, dass Kasper bei allen meinen Entscheidungen hinter mir stehen würde, auch wenn ich zu ihm sage würde: „Ich hätte gerne wieder ein eigenes Pferd“, oder „Ich gehe in meinen alten Beruf zurück“, ok, bei allen Entscheidungen steht er nicht hinter mir, ich sage nur „Vielleicht…“ (Kasper, du weißt was ich meine 😉 ). Kasper würde mir die Möglichkeit geben, nach einem Pferd zu schauen, oder mich trotzdem lieben, auch wenn ich wieder am Mist schaufeln wäre.

Wenn ich mir jedoch eines nach der Scheidung geschworen habe, dass ich nicht mehr von einem Mann abhängig sein will. So lange ich mir ein Pferd nicht leisten könnte, wäre die Sorge im Kopf, wie willst du das ohne Kasper finanzieren? Mit so einem Stall in eigen Regie ist das immer noch etwas anderes, wie wenn das Tier im Reitstall steht.

Wenn wir unseren jetzigen Stall aufgeben würden, so müsste das Tier in einen Reitstall, der deutlich teurer ist. Die Ponys, für die habe ich schon eventuelle Lösungen, die nicht so kosten intensiv sind (theoretisch kann ich mir das dann auch „alleine“ erlauben).

Bezüglich der Überlegung eines Reitpferdes, habe ich mit Kasper auch schon öfter gesprochen und letztens in den Raum geworfen:

„Gibt es nach einer Trennung auch Unterhalt für Pferde?“

Zumindest hatten wir beiden wieder einmal einen Grund, herzhaft zu lachen.

In seinem Leben kommt man sehr oft an Wegkreuzungen. Für welchen Weg man sich entscheidet hängt immer von verschiedenen Faktoren ab und man weiß nie, ob der eingeschlagene Weg, der richtige war.

Ich stehe nun schon seit längerem an einer Kreuzung – es wird langsam Zeit, weiter zu gehen.

(Diesen Beitrag habe ich am Sonntag verfasst, aber heute erst das Ende geschrieben. Das Risiko einen mit Rotz beschmierten Laptop danach zu haben, war mir einfach zu groß.)

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