Ist Inklusion heute schon im Alltag UND den Köpfen angekommen?

Zaun Hof

So schön gestern morgen das Füttern der Ponys war, so mühselig war es heute morgen. Warum? Seit gestern plagen mich wieder Knochen- und Gelenkschmerzen. Ich habe das Gefühl, dass ich an mehreren kleinen Stellen, Schraubzwingen sitzen habe. Es ist die dritte Nacht in Folge, die ich klatsch nass geschwitzt aufwache. Vorgestern Abend bin ich nach dem duschen, im Bad, auch kurzzeitig in die Knie gegangen, weil der Schmerz oberhalb der Knie so extrem war, dass die Knie einfach weggingen. Gestern Nachmittag meldete sich dieser Schmerz noch einmal, genau passend zum Reitunterricht.

Heute morgen habe ich nach dem „Ponys-auf-den-Paddock-stellen“ entschieden, einen Tag auf dem Sofa zu verbringen. Einfach mal rein gar nichts tun. Handy auf lautlos, Laptop aus, Türklingel ignorieren.

Und trotzdem habe ich keine Ruhe. Mein Kopf und die da drin befindliche Autobahn der Gedanken, gibt keine Ruhe. Der Verkehr fließt heute in rasantem Tempo. Gelegentlich kommt er zum Stoppen, wenn ein Baustellenschild mit der Aufschrift „Schule“ zu sehen ist. Dann geht erst einmal nichts mehr. Die Straßen gleichen einem Krater, die Autos suchen nach einer Ausweichstrecke und landen nur in Sackgassen. Sobald die Gedanken beiseite geräumt sind, das Baustellenschild verschwunden ist, fließt der Verkehr wieder. Die Atmung normalisiert sich, die Muskeln finden Entspannung.

Warum blockiert der Gedankengang Schule so sehr? Dazu muss ich einmal in die Vergangenheit abschweifen, wobei ich mich gerade frage:

Sind drei Jahre schon Vergangenheit, wenn man sich aktuell noch in der Schule befindet und alles was vor drei Jahren war, gerade jetzt und auch morgen, von Bedeutung ist?

SpinnennetzAls ich vor drei Jahren das Glück hatte, um noch einmal auf dem zweiten Bildungsweg das Ziel Abitur zu verfolgen, musste ich nicht lange überlegen, um die Chance wahrzunehmen. Ich weiß heute noch sehr gut, wie ich mit meinen Eltern und meiner Schwester jeweils einzeln darüber beratschlagt habe, wie man das finanzieren könnte, wenn ich kein BAföG bekommen würde. Auch an das Gespräch mit der Dame vom Rathaus kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es ist alles so präsent, als wäre es gerade erst gestern gewesen.

Ich habe BAföG bewilligt bekommen, da ich einschneidende Veränderungen in meinem Leben hatte (einmal hat eine Scheidung etwas gutes), die einen BAföG Anspruch zu ließen. Als ich die ersten Tage in der Schule saß und mit den wesentlich jüngeren Menschen und ihrem schnelleren Tempo sehr zu kämpfen hatte, fragte ich mich ab und zu, ob ich mich richtig entschieden habe. Zu Hause lag ich oft im Bett und fragte mich, ob es die richtige Entscheidung war. Die Tatsache nach der Reha vom Jobcenter aus eine Umschulung auferlegt zu bekommen, ließen mich immer zu dem Schluss kommen

„Ja, es war alles richtig!“

Ich erinnere mich noch, dass wir uns alle vorstellen mussten und ich bei meinem persönlichen Ziel gesagt habe „Erstmal das Fachabitur und wenn es gut läuft, würde ich das Abitur noch in Angriff nehmen.“ Ich weiß noch sehr gut, dass ich auf Unverständnis gestoßen bin, da viele es nicht nach empfinden können, wie anstrengend die Schule für jemanden sein kann, der gesundheitlich nicht fit ist.

Nach dem die ersten Klausuren nun geschrieben sind, wird mir wie damals bewusst, dass in Zeiten der Inklusion die Lehrkräfte sich sehr schwer damit tun, zu unterscheiden, ob sie einen gesunden Schüler vor sich haben, oder jemanden mit Einschränkungen.

Ich habe am Westfalenkolleg Bielefeld gekämpft um eine Regelung zu bekommen, dass Hausaufgaben, Referate und andere Sonderleistungen mit in die Note einfließen dürfen. Auf dem zweiten Bildungsweg dürfen solche Sachen normalerweise nicht in die Benotung mit einfließen. Jetzt auf dem Abendgymnasium Bielefeld merke ich sehr deutlich, vor allem im fünften Semester wo es stramm auf das Abitur zu geht, dass ich jetzt entweder noch mal richtig kämpfen muss, um auch nur einen Hauch einer Chance zu haben das Abitur zu erreichen, oder aufgeben.

Da zwei Klausuren jetzt schon eine 4- ergaben, was in der Kursphase aus der Wertung fällt, sehe ich da wenig Hoffnung. Ich kann es nicht erklären. Es sind einfach die Worte, die Mimik der Lehrkräfte, wenn man ihnen versucht zu erklären, dass man es für sich selbst gerne versuchen würde, aber auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

„Du willst ja nur etwas geschenkt haben“, oder „Du spielst deine Erkrankung aus, um bessere Noten zu bekommen!“, diese Sätze und noch ein paar andere Sachen sind mir am Westfalenkolleg von anderen Schülern gesagt worden.

Ich selbst habe bis zum Frühjahr diesen Jahres nicht wirklich begriffen, was das Wort Inklusion eigentlich bedeutet. Ich möchte sehr gerne meinen Trainer B im Reiten noch machen und bin auch dort auf eine Dame bei der FN gestoßen, die mich ausgelacht hat, dass ich überhaupt in Erwägung ziehe, diesen Lehrgang in Angriff zu nehmen, da ich schon länger nicht auf dem Pferd saß. Mit den Worten „Das schaffen sie nie! Sie müssen dafür reiten und nicht erst auf dem Lehrgang und überhaupt, ein Reitlehrer MUSS selber reiten, um Reitunterricht erteilen zu können!“ Ich kam damals nicht dazu, dass ich den Bereich mit Wiedereinsteigern und Kleinkindern machen möchte, zumal ich diese Zielgruppe schon jetzt betreue und diese sich bisher nicht beschweren, dass ich selbst nicht mehr aktiv reite. Ich habe mich damals bei der FN beschwert und bekam auch zwei Tage später einen Anruf von einer anderen Abteilung, wo ich sehr viel Verständnis bekam und auch ganz klar das Signal:

„Es ist gut, dass sie das machen möchten und in Zeiten der Inklusion geht so ein Verhalten gar nicht!“

Ich war leider im Mai krank und konnte den Lehrgang nicht in Angriff nehmen, würde es aber nächstes Jahr sehr gerne, vorausgesetzt, dass ich bis dahin Geld für den Lehrgang zusammen habe und die Gesundheit dann auch ihr OK gibt, wieder in Angriff nehmen.

Warum Zeit und Energie in die Pferdebereich stecken, wenn dass doch eine brotlose Kunst ist?

Berechtigte Frage! Mein Arzt am UKE in Hamburg fragte mich mal „Was ist ihr Plan B, wenn das mit der Schule nicht funktioniert?“ Ich habe damals gestutzt, denn die Schule ist schon Plan B und Plan C war das mit dem Reitunterricht geben. Plan A war mein Beruf als Pferdewirt, wo ich nun auch schon feststellen durfte, dass trotz staatlich anerkannter Prüfung, diese in manchen Bereichen nicht zählt, da sie auf dem externen Weg gemacht wurde. Obwohl ich wie jeder Lehrling, die gleichen Prüfungsbedingungen hatte, stehe ich vor manchen Behörden dar, als hätte ich keinen Beruf erlernt.

Plan D, was soll Plan D sein? Mit dem Fachabitur an die FH in Osnabrück und Landwirtschaft studieren, wo am Anfang erst mein Umfeld dran zweifelte, dass ich die tägliche Fahrerei nicht schaffe und mittlerweile ich selbst auch nicht mehr.

Nun habe ich einen Taschenrechner für 130,- € gekauft, quäle mich durch sämtliche Bücher und bekomme eine Ohrfeige nach der nächsten (die Klausurnoten sind im Moment wie Ohrfeigen). Obwohl ich nach außen so wirke als sei mein Kopf fit, fühlt es sich nach einer halben Stunden intensiven Denkens so an, als hätte es eine Massenkarambolage auf der Autobahn gegeben: nix geht mehr und die Abschleppfahrzeuge kommen nur mühselig voran.

Zur Zeit sind Ferien und ich überlege ernsthaft, ob ich mich von der Schule abmelden soll und mich in die Maschinerie des Jobcenters begeben soll. Den Dingen ihren Lauf lassen und mich in eine Umschulung stecken lassen. Wie mir ja bei einem Gespräch im Frühjahr schon mitgeteilt wurde, gäbe es für so Menschen wie mich spezielle Einrichtungen, wo man unter seines gleichen dann eine Tätigkeit ausübt, die dann angemessen ist. Ehrlich gesagt, mir wäre es dann doch ganz recht, wenn mein Kopf endgültig Matsche wäre, denn dann würde man über solche Äußerungen nicht nach denken.

Alles in allem frage ich mich einfach, wozu weiter stressen?

Lauf 2015 IBei dieser Frage bremst der Autobahnverkehr im Kopf und ein Baustellenschild geht hoch „OWD-Cup 10km“. Stimmt! Obwohl ich so einen Lauf vielleicht nicht hätte mitlaufen sollen, habe ich ihn mitgemacht und bin stolz auf mich, auch wenn ich teilweise nur gewalkt bin.

Genauso denke ich in Bezug auf die Schule:

Fachabitur waren die 5 km, warum sollen die 10 km jetzt nicht gehen? Warum kann jetzt nicht akzeptiert werden, dass ich ab und zu auch walken muss um die 10 km zu erreichen, während die anderen joggend an mir vorbeiziehen?

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2 Gedanken zu “Ist Inklusion heute schon im Alltag UND den Köpfen angekommen?

  1. Liebe Anke, ich wollte mich bei dir für den Kommentar auf Facebook entschuldigen. Ich fürchte du hast mich dort blockiert. Ich würde dir aber gerne noch persönlich ein paar Worte sagen.
    Liebe Grüße Claudia
    Liver up!

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